... der Gang ins eigene Innere

Der im Friedensmal liegende Baum des Lebens, der mit seinen Wurzeln Richtung Jerusalem weist, durchbricht den „dunklen Ring der Gewalt” mit elf Erinnerungs-Steinen als Projektionsflächen eines entfremdeten und traumatisierten Verstandes. Der Ring ist auch von außen über eine helle und freundliche Fläche aufgebrochen; eine Tanzfläche, ein Begegnungsraum. Das steht für den Tanz des Lebens und dafür, in der Begegnung spirituell und emotional aneinander zu wachsen. Das Friedensmal ist dem eigenen inneren Frieden gewidmet; da wo der Frieden anfängt, wo er deshalb am notwendigsten ist.


Ein Baum des Lebens

Der Baum des Lebens steht im Judentum für die Tora (=Weisung, die 5 Bücher Moses), von der Rabbi Hillel sagte: „Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur die Erläuterung”. Wollte man sich nur daran halten, wäre der Frieden in der Welt nicht mehr weit. Im Friedensmal ist der Baum des Lebens in Form eines Reliefs zu sehen. Es ist eine Sicht von oben. Es bedeutet sich in einer inneren Erfahrung selbst zu betrachten. Die Symbolik ermutigt dazu, sein eigenes Leben anzuschauen und guten Entwicklungen bei sich und anderen den Raum zu geben. Der Kampf gegen das Schlechte in der Welt hat vielleicht nie ein Ende. Würde aber nicht viel an Dunkelheit vergehen, wenn man Schönes und Gutes bei sich und anderen wahrnehmen wollte?

Mit seinen Wurzeln ist der 
Baum des Lebens nach Jerusalem ausgerichtet. Das ist ein Ruf für eine „bessere Welt“, symbolisiert durch Yerushalayim - das „himmlische Jerusalem“. Dieser Ruf ist mehr als ein Ort, Jerusalem ist ein Zustand der Schönheit. So fängt Frieden im Innern an, davon aus wirkt er ins Kleine und davon aus in die großen Zusammenhänge in die Welt. - Yerushalayim steht auf dem 12. Erinnerungsstein, dem Grenzstein geschrieben. Das Thema ist hier: gesunde Grenzen. Der Stein steht außerhalb des Friedensmals, „der Welt zugewandt” an der Weggrenze.



Weg der Heilung durch Heiligung

Die Inschrift am Eingang zum Baum des Lebens lautet: "Erkennet das Heilige in eurer Mitte". Sie ist auf die graue Schwelle der Demut, die das Friedensmal nach außen hin begrenzt, aufgebracht. Um in die Mitte zu gelangen, geht der Besucher „auf dem Gang nach innen” über diese Schwelle. Der Mensch trägt unantastbar Heiliges in sich. Deshalb gilt: Die Würde des Menschen ist unantastbar (1. Artikel des deutschen Grundgesetzes). Mögen wir in Selbsterkenntnis den inneren Weg der Heilung in Richtung Frieden und Freiheit gehen, statt die eigenen inneren Schmerzen in die Umwelt auf andere Menschen und Geschehnisse zu projizieren.


Erkennet das Heilge in eurer Mitte

Im deutschen Wort Heilung findet sich das (missbrauchte) Wort "Heil", was mit dem jüdischen Schalom verwandt ist. Die Vergänglichkeit in der Welt (Entropie) bedeutet das ewige Mühen um Wiederherstellung, um Heilung und Schalom, ohne das es keine Weiterentwicklung geben kann. Darin nicht nachzulassen ist auch mit "Erkennet das Heilige in eurer Mitte" gemeint. Eine Vollkommenheit wird dabei nie erreicht werden. Es geht am Ende um den Weg. Das zu wissen darf erlösend sein: Sei ein Mensch!  Die eigene Unzulänglichkeit darf anerkannt werden. Anderes zu glauben wäre Wahn. Man kennt aber diesen Wahn gut in Deutschland: Wenn Kindern nie gesagt wurde, dass sie wertvoll sind, nicht wegen ihrer Leistung, sondern einfach bereits als Mensch. Das gilt dann auch für eine ganze Gesellschaft.

Ein Wahn in einer Gesellschaft heilt nicht mit den gleichen Antworten, die überhaupt zum Wahn führten. Es muss darum gehen, den Teufelskreis zu durchbrechen; auch und insbesondere in einer lebendigen Erinnerungskultur. Der Satz "
Erkennet das Heilige in eurer Mitte" ist also keine Ermutigung zum Narzissmus; man findet ihn im Friedensmal auf die Schwelle der Demut geschrieben. "Das eigentlich Menschliche ist die Unzulänglichkeit, und das Menschlichste ist vielleicht, sie anzuerkennen, anzunehmen und zu verzeihen und dennoch zu versuchen, ihrer Herr zu werden, wenigstens der eigenen." (Quelle unbekannt) - Es geht also um eine Ermutigung auf dem Weg der Heilung durch Heiligung und eine bewusste Wertschätzung des Schönen, Wahren und Guten im eigenen Leben und in der eigenen Kultur.



Heilung tiefer Wunden

Im Jahr 1998, zur Zeit der Debatte über einen Bau eines zentralen Mahnmals in Berlin für die ermordeten europäischen Juden, hatte ich die Idee für dieses Projekt. Ich glaube, dass die auf Mahnmale ausgerichtete Erinnerungskultur in Deutschland einen positiven Ansatz braucht, der für ein neues Leben steht. Erst so entsteht auch ein Zugang ohne Schuldgefühle, welche die Menschen so oft in eine Abwehrhaltung bringen. Mahnen und Erinnern alleine reicht nicht. Es braucht im Gedenken Leben und Hoffnung. Es braucht vor allem eine Heilung der tiefen Wunden. Auf dem Weg dazu findet erst die Integration statt, dass man dann wirklich sagen kann, dass etwas aus der Vergangenheit gelernt wurde; dass sich Vergangenheit nicht in einem anderen Gewand wiederholt.

Die Idee vom Friedensmal bringt damit auch Deutschland einen anderen Umgang mit seiner Vergangenheit, der zu einem Segen werden würde. Es ist kein Mahnmal für die Vergangenheit, sondern ein Friedensmal für heute. Nelly Sachs drückte es in einem Gedicht so aus: „Aber die ihr den Staub nicht von eurer Sehnsucht schütteltet. Die ihr stehenbliebt, dort, wo er zu Licht verwandelt wird“.


Dganit Daddo und Schülerinnen aus Israel im FriedensmalDie israelische Sängerin Dganit Daddo und Schülerinnen aus Israel singen beim Begegnungsfest in Deutschland im Friedensmal.

Von Innen nach Außen

Das Friedensmal ist ein 24-Eck. Man kann 24 Stunden und viele Tage um den Kreis gehen und drehte sich doch nur im Kreise um sich selbst. Erst wenn man innehält und über 2 Stufen - die Schwelle der Demut - mit der Inschrift „Erkennet das Heilige in eurer Mitte“ in das Friedensmal tritt - wenn man von sich loslässt und nach innen geht - wird man sich finden.

Ein Teil des Rings um den Baum des Lebens ist mit dunklem Kies gefüllt. Darin sind 11 Steinblöcke aus Odenwald-Quarz. Sie symbolisieren Projektionsflächen des Verstandes, denn der begrenzte Verstand kategorisiert und projiziert, was Menschen allzu oft für die allgemeine Wahrheit halten. Das macht Probleme im Miteinander. Sind wir Gefangene unserer Projektionen und Ängste oder sehen wir die Fülle des Lebens? So streifen wir also durch den dunklen Ring und erforschen unsere „Steine“ in der Seele, wo sie unsere Liebe blockieren.

Friedensmal im Garten der Freiheit

Zahlensymbolik: In der christlichen Mystik gilt die Zahl 11 als die Zahl der Sünde bzw. besser: "Der Mensch ist entfremdet vom Grund des Seins (Gott), von den anderen Wesen und von sich selbst" (Tillisch, Lexikon der Theologie). 1 ist der Wille Gottes, 0 ist das empfangende Prinzip, die Schöpfung. So symbolisiert die 10 den Willen Gottes in der Schöpfung und auch die 10 Weisungen (Gebote). Bei der 11 ist der aus der Ordnung herausgefallene Wille des Menschen hinzugekommen. Aufgabe ist es, diesen Willen in Einklang mit dem "Grund des Seins" zu bringen. Die Zahl 11 ist also auch eine Zahl der Befreiung.

Tritt man wieder aus dem
Friedensmal heraus, wo man einen inneren Frieden finden kann, trifft man im Außen, wo es um die Freiheit und den Frieden in der Welt geht, auf den 12. Stein (der Grenzstein) mit der Aufschrift "Yerushalayim". (Über die Zahl 12: man stelle sich ein Dreieck vor. Der obere Punkt (Geist) in der Mitte integriert die Linie - Dualität der Welt - darunter). Mit der 12 hat man wieder den Einklang mit Gott, dem Grund des Seins, gefunden; sie steht also dafür Gott zu dienen. Auch in der Tora ist es so geschildert: die Israeliten fanden ihre Freiheit (Auszug aus Ägypten) um Gott zu dienen bzw. weil sie Gott dienen wollten.


Friedensmal am Abend

Der Baum des Lebens betrifft die Beziehung zur eigenen Seele. Der Baum durchbricht den dunklen Ring von innen. Wie ein gesunder Baum Himmel und Erde verbindet, so hätte auch der Mensch darin das Leben. Auch nach außen oberhalb der "Baumkrone" ist der dunkle Ring bereits aufgebrochen - durch eine beige Tanzfläche. Sie steht für die wahrhaftige Beziehung zum Du, die wie ein Tanz sein mag. Der Religionsphilosoph Martin Buber, der bis zum Jahr 1938 in der Nachbarstadt Heppenheim wohnte, drückte es so aus: „Der Mensch wird am Du zum Ich“ (Philosophie Martin Bubers). Unsere eigenen blinden Flecken erkennen wir erst, wenn uns ein anderer Mensch in seinem Wesen zum Spiegel wird. Die "Tanzfläche" liegt im "inneren Raum", da man in sich selbst den Raum zur Begegnung mit dem Anderen schafft und da man den Anderen auch nicht wahrhaftig sehen kann, wenn man sich selbst nicht sieht.

Die heilsame Antwort ist also die stille Wendung nach innen – es sei ein Ort für die Meditation und das Gebet - die aber genauso ein Gefühl und eine Freude für den Tanz im Leben vermittelt.
 Ein 26 m langer 7-farbiger Regenbogen wird noch als Glasmosaik um die "Baumkrone" gelegt werden. Der Regenbogen ist das Zeichen vom Bund Gottes mit den Menschen. Der Durchmesser der Krone vom Baum des Lebens, um die der Regenbogen liegt, beträgt 16,60 m. Das ist ein Hinweis auf die einzige Bibelstelle mit dieser Zahl, nämlich Hesekiel 16,60: "Ich will aber gedenken an meinen Bund, den ich mit dir gemacht habe zur Zeit deiner Jugend, und ich will mit dir einen ewigen Bund aufrichten."


Schalom Jerusalem

In der Mitte des Friedensmals befindet sich die Blüte des Schalom. Sie sei ein Zeichen für Schalom; das heißt Harmonie, Heil, Fülle und Frieden. Die jüdische Dichterin Nelly Sachs beschrieb Schalom als eine "eine Schmetterlingszone der Träume" (Quelle). Diese Blüte aus weißem Marmor, Granit und Odenwald-Quarz sei auch eine Erinnerung an eine Widerstandsgruppe, die sich nach einer weißen Blüte benannte: Die Weiße Rose. Diese jungen Menschen fanden Ihre Werte und ihre Stärke zum Widerstand in ihrem gelebten christlichen Glauben.

Tanzperformance

Schalom (Frieden, Heil) fängt bei einem selbst im eigenen Inneren an. Das Friedensmal ist ein Raum der Heilung und Begegnung. Er zeigt den Gang ins eigene Innere; da, wo wir selbst die Macht haben etwas zu verändern. So kann der Frieden dann nach außen in unsere Gesellschaft wirken. Der Einzelne ist auch Teil einer kulturellen Gemeinschaft mit ihrer Prägung  und ihrer Geschichte. Deshalb wird mit diesem Denkmal Bezug genommen auf „Jerusalem” als die tiefste Wurzel der europäischen Kultur und auf die tiefe Verletzung in dieser Beziehung. Das sei ein wichtiger gesellschaftlicher Impuls für unser Land, sich über das Verständnis von "Jerusalem" wieder neu zu finden und es wird sogar zu einer Idee von Jerusalem in den deutsch-jüdischen Beziehungen.


Die Blüte des Schalom im Baum des Lebens

Die Blüte des Schalom besteht aus zwölf weißen Blütenblättern und einem darauf liegenden Stern: ein Herz das lebt!  Auch dieser Stern steht für die Verbindung von „Himmel“ und „Erde“; von Geist und Materie. Die Blüte befindet in der Mitte vom Baum des Lebens im Friedensmal: der Mensch kann in sich Himmel und Erde verbinden wie ein Baum; christlich gesprochen ist das der vom Heiligen Geist erfüllte Mensch. Es gibt zwei Dreiecke im Stern; das eine Dreieck mit dem brauen Fleck in der Spitze weist Richtung Rheinebene mit dem ehemaligen "Jerusalem am Rhein" (Erde) und das andere Dreieck mit dem brauen Fleck in der Basis weist Richtung Jerusalem in Israel (Himmel). In der Mitte des Sterns ist der Wendepunkt fürs Leben mit der Inschrift "Chai" (Leben) eingelassen. Auf diesen einen Punkt in der Mitte bezogen wurde diese ganze Stätte des Friedens und der Freiheit konstruiert. In diesem einen Punkt, der alles verbindet, gibt es keine Ideologie. Hier ist Schalom, d. h. Harmonie, Heil, Fülle und Frieden. - Dieser Punkt in der Mitte liegt genau 72 cm über der Ebene (außen) vor der 1. Stufe der Schwelle der Demut. Das ist ein Hinweis auf die 72 Gottesnamen; es geht um Erfahrung.


Eingang in dem Baum des Lebens

Die Menschen zogen ihre Schuhe aus als sie in den Baum des Lebens eintraten. Es ist ein Zeichen, Gewohnheiten und Vorurteile abzulegen und sich für eine Erfahrung aus dem Herzen zu öffnen. In dieser Mitte kann sich Schalom finden. Das Friedensmal kann dem Menschen die innere Sehnsucht nach Heiligkeit wieder bewusster machen. Wir brauchen Zeichen der Hoffnung, die das Gute in uns berühren. Das größte Unglück in einer Gesellschaft geschieht nicht durch „böse Menschen“, sondern weil das gute Potential in ihr nicht erkannt wird!  Verantwortung für das Leben ist positiv. Sie will sich im Engagement freiheitsliebender und mündiger Bürger ausdrücken. In diesem Sinn wurde dieses Projekt in vielen Jahren ehrenamtlicher Arbeit auf dem eigenen Grundstück umgesetzt. Freier Friede walte auf Erden; Licht, Liebe und Leben.


Abendstimmung

Abendstimmung am Friedensmal

Blick vom
Friedensmal aus in die Rheinebene auf die SchUM Stadt Worms, Jerusalem am Rhein)





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