Bewahrt das Heilige

YERUSHALAYIM - 3000 km - "Ein Ruf voller Liebe nach Freiheit für den Menschen. Dass wir die (inneren) Zäune im Miteinander überwinden und unseren Halt nicht hinter Zäunen der Ideologie suchen", lautet die Inschrift auf dem Grenzstein.  Mit dem Grenzstein wird zuerst die Existenz von Grenzen für den äußeren Frieden positiv bestätigt. Ohne ihre Anerkennung gibt es keine Begegnung und kein Miteinander. Ohne einen Ordnungsrahmen für das Zusammenleben gibt es keine Freiheit. Ohne einen Schutz des Heiligen verliert es seine Kraft und Schönheit.

Yerushalayim (deutsch: Jerusalem, Gründung des Friedens) ist auf dem Grenzstein an der äußeren Grenze des Gartens der Freiheit zu lesen. Die hebräische Form des Namens Jerusalem wurde als ein versöhnendes Bekenntnis (Numeri 24:9) zu einer jüdischen Wurzel der europäischen Kultur gewählt. So wurden über das Christentum Werte der Tora, z. B. die 10 Gebote, in unserer Kultur verankert. Es sind Werte der Freiheit und des Lebens.

Der Name Jerusalem ist seit jeher eine Metapher für Schönheit, Hoffnung und Licht. Als „himmlisches Jerusalem” ist er ein Ruf nach einer Welt, in der Menschen in Frieden, Freiheit und Würde zusammenleben.
Das Heilige "Jerusalems" kann nur bewahrt werden, wenn es Grenzen gibt. Aus ihrer achtsamen Anerkennung entsteht der Ruf nach der Freiheit des Menschen.


Eine Grußbotschaft

"Jerusalem ist mehr als ein Ort, Jerusalem ist ein Zustand der Schönheit. Jerusalem ist überall dort, wo Schönheit ist. Jetzt ist auch etwas davon bei Ihnen in Bensheim; und Bensheim kann damit auch in Jerusalem sein, wenn es will. Um in das Jerusalem von oben zu gelangen, muss man durch das Jerusalem von unten. Diese Möglichkeit hätte nun jeder in Bensheim…  mehr"  (Rabbiner Andrew Steiman aus Frankfurt a. M. zur Einweihung).


Yerushalayim - Der Grenzstein


Frieden und Grenzen (September 2015)

„Jerusalem“ ist mehr als eine religiöse Ideologie; es bezeichnet eine Idee des Lebens.  Diese ist wie die Hoffnung aus einem dunklen Traum aufzuwachen und sich in einer Welt wiederzufinden, in der Menschen sich nah sind und in aller Aufrichtigkeit berühren. Das beginnt in den Worten, die wir sprechen. Doch diese Nähe, in die jeder seine Schönheit einbringen mag, ist ohne gesunde Grenzen nicht möglich. Wir würden uns sonst verlieren. Die Grenzen müssen wir zunächst erkennen. Die Grenzen sind zu achten. Nur im Miteinander, im gegenseitigen Einverständnis, lassen sich Grenzen (Zäune) überwinden. Doch "überwinden" heißt nicht "abreißen" oder Grenzen nicht mehr wahrzunehmen.

Ohne Abgrenzung ist Leben nicht möglich. Zäune errichten wir und Grenzen legen wir fest, um Werte und die Verschiedenartigkeit von Vorstellungen und Strukturen zu schützen. Materie selbst ist Struktur, also Begrenzung. Je durchgeistigter eine Kultur, je mehr die gesunden Grenzen und die Werte im Innern verwirklicht sind, desto mehr können tatsächlich auch die äußeren Zäune innerhalb dieser Kultur fallen. Es bleibt die natürliche Abgrenzung der Kultur nach außen.


Stefan Wolf am Grenzstein


Ein "himmlisches Jerusalem auf Erden" ließe sich auch nicht durch das Einreißen von Zäunen erzwingen. In dieser Vorstellung liegt nicht Frieden und Menschlichkeit, sondern ideologische Verblendung und Rücksichtslosigkeit gegenüber dem, was Zäune schützen. Die Folge davon sind noch mehr Streit und Krieg. „Yerushalayim, dass wir unseren Halt nicht hinter Zäunen der Ideologie suchen“ - steht auf dem (Jerusalem) Grenzstein an der Grenze des Gartens der Freiheit am Europäischen Fernwanderweg. Es gibt einen friedlichen Weg Grenzen zu überwinden. Dieser kann nur bei uns selbst beginnen. Der Friedensweg ins eigene Innere führte wieder nach außen in die Verantwortung in der Welt. Die aktuellen politischen Ereignisse in Deutschland zeigen deutlich, wie wichtig eine Heilung der kulturellen Wurzeln der Deutschen ist und eine Etablierung einer Kultur der Freiheit.


Der Zaun am Grenzstein

Macht einen Zaun um das Gesetz! - (Sprüche der Väter, 1. Kapitel, 1. Vers). Das Gesetz, die Tora, ist ein Baum des Lebens heißt es im Judentum. Im Jerusalem Friedensmal ist der Baum des Lebens das zentrale Element. Der Garten der Freiheit und der Zaun am Grenzstein sind der Rahmen des Jerusalem Friedensmals bzw. den Zaun um das Gesetz. Das Wort „Garten“ kommt von dem indogermanischen Wort "Ghorto" und bedeutet Umzäunung. Der "Zaun um das Gesetz" war nicht in der ursprünglichen Planung für das Friedensmal enthalten. Den Zaun und damit den Grenzstein und den Garten der Freiheit brachte ganz ungeplant das Leben. Die Geschichte ging so:

Das war die ursprüngliche Planung fürs Friedensmal

Von der örtlichen Behörde war im Jahr 2012 eine Ausnahmegenehmigung für den Bau eines Pferdekoppelzauns auf dem Nachbargrundstück ausgestellt worden. Unser Denkmal zeigt den Baum des Lebens, der Richtung Jerusalem einen dunklen Ring (für die dunkle Vergangenheit) durchbricht und so ein Symbol für die Freiheit ist. Der neue Zaun sollte direkt vor dem Durchbruch vom Baum des Lebens entstehen. Das konterkarierte aber die künstlerische Botschaft des Denkmals. Auch fehlte dadurch der ursprünglich geplanten Denkmalgestaltung mit genehmigten 33 großen Erinnerungssteinen die Freiheit, um überhaupt in der angedachten Weise wirken zu können. Ein als erdrückend empfundenes Denkmal ist nicht geeignet eine Botschaft des Friedens und der Freiheit zu transportieren und anziehend auf Besucher zu wirken.

So wurde es dann schließlich etwas anders gebaut

Der Künstler ließ 22 Steine im Denkmalkreis weg und ersetzte sie symbolisch im Sinn der künstlerischen Botschaft der Denkmalgestaltung durch den (Jerusalem) Stein an der Grenze des Grundstücks. Damit öffnete er den "dunklen Ring" im Denkmal zur anderen dem Zaun abgewandten Seite. Diese Maßnahmen konnten das Landschaftsbild wieder entlasten. Auf dem Grenzstein ist die Friedensbotschaft zu lesen: "Dass wir die Zäune im Miteinander überwinden...". Außerdem wurde durch die Gestaltung von Böschungen (Engelsflügel) an den Seiten des Denkmalareals und eine Anplanierung um den Denkmalkreis dem Zaun eine andere ästhetische Funktion zugewiesen: aus einer Blockade vor dem Baum des Lebens wurde so aus dem Zaun ein Teil eines Rahmens; ein geschützter Raum fürs Friedensmal. So überhaupt entstand erst der Garten der Freiheit.

Mit dem Grenzstein und dem Garten der Freiheit gelang es auf diese Weise den Zaun als eine neue deutlich sichtbare Grenze sinvoll in die Denkmalgestaltung zu integrieren. Es war eine künstlerische Antwort auf das Problem und das führte schließlich zu einer anderen, sowohl inhaltlich als auch ästhetisch sehr viel weiter entwickelten Gestaltung. Die Gestaltung entstand also in einem Prozess in der Auseinandersetzung mit dem Leben. Anfang des Jahres 2019 stieß der Künstler bei einer Internetrecherche auf die Textstelle "Macht einen Zaun um das Gesetz" (Sprüche der Väter). Das Leben selbst hat bewirkt, dass diese Weisung beim Jerusalem Friedensmal zur Wirklichkeit wurde. Aber da war sogar noch mehr: Es sollte sich später herausstellen, dass auf der dem Zaun abgewandten Seite, zu der hin das Denkmal dann aus ästhetischen Gründen geöffnet wurde, sich früher im Tal das "Jerusalem am Rhein" befand.


Am Wanderweg

Der Grenzstein befindet sich an einem Wanderweg. Jener steht als Metapher für den Weg der Erfahrungen im Leben. Der Grenzstein zeigt die Begegnung mit der Welt in einer Konfrontation mit dem Schmerz und dem Leid des Lebens. Zugleich symbolisiert er die Hoffnung, die der Mensch auf seinem Weg haben darf, um nicht auf Grund von Enttäuschungen, eigenen oder fremden Versagens, Neid und Lüge, um nicht auf Grund einer als erdrückend empundenen Last aufzugeben; um trotzdem weitergehen zu können.

Yerushalayim ist Ausdruck dieser Hoffnung. Der Mensch ist nicht nur ein materielles Wesen in einer materiellen Welt. Was ihn ausmacht ist sein Bewusstsein. Der Weg des Menschen durch sein Leben kann auch zum spirituellen Erwachsensprozess werden. Religionen können darin Wegbereiter und mit ihrer Struktur, die Abgrenzung und Ordnung bedeutet, Unterstützung sein. Religionen werden dann zum Problem, wenn sie den spirituellen Weg des Einzelnen nicht mehr achten, weil sie zum eingemauerten und verschlossenen Raum einer religiösen Ideologie wurden. Der katholische Theologe Karl Rahner schrieb über die Religion: "Der Fromme der Zukunft wird ein 'Mystiker' sein, einer, der etwas 'erfahren' hat, oder er wird nicht mehr sein."


Rabbiner Mendelson und Thomas Zieringer
Rabbiner Mordechai Mendelson am Jerusalem Grenzstein

Heilung

Jerusalem  ist Wurzel und Vision, eingewebt in unserer Kultur, vielfach verletzt in Vergangenheit und Gegenwart. Die Freiheit und die Fülle des Lebens, die wir uns als Menschen und als Gesellschaft wünschen, sind ohne eine Heilung der tiefen Wunden in der eigenen Seele und im kollektiven Bewusstsein nicht zu leben. Erst das machte uns frei für ein umfassenderes Verständnis der Welt und für verantwortliche Handlungsweisen heute. "Aus der Vergangenheit lernen" bedeutet, eine Bürde der Vergangenheit in einen Segen für die Zukunft zu wandeln.


Deutsche Vergangenheit

Die unbeschriftete Seite des Grenzsteins weist nach Westen ins Hochstädter Tal, in dem es aufgrund von Bergbau seit dem Jahr 1865 zahlreiche unterirdische Stollen gibt. Noch gegen Ende des 2. Weltkrieges sollte dort deshalb geschützt vor Luftangriffen eine Rüstungsproduktion aufgebaut werden. Dafür wurden verschleppte Griechen und KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt. Das Thema ist Krieg, Gewaltherrschaft und unser Umgang mit dieser deutschen Vergangenheit. Dieses Lager wurde als Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof im Elsass geführt. Thema ist somit auch das eine System von Haupt- und Außenlagern, das am Kriegsende ganz Europa überzog und sogar kleine Ortschaften wie Hochstädten umfasste. Hier finden Sie meine mit zeitgeschichtlichen Dokumenten belegte Abhandlung über diese deutsche Vergangenheit am Ort.


Grenzstein und Friedensmal im Garten der Freiheit

Der Grenzstein mahnt als Erinnerungsstein im Kontext eines Zivilisationsbruchs, sich nicht von Ideologien gefangen nehmen zu lassen und sich der Werte zu erinnern, die uns vom himmlischen Jerusalem sprechen lassen. Die Schwelle unter dem Grenzstein weist dafür mit dem Satz Wo sich Staub zu Licht wandelt auf das Friedensmal rechts vom Stein.


Hoffnung

Wir wissen, dass wir nie in einer Welt zufrieden sein können in der Ignoranz und Hass überschattet, was eigentlich ein Leben erfüllt von Schönheit, Wahrheit und Güte sein sollte. Nur wo Licht ist, kann Dunkelheit weichen und deshalb steht der Name "Yerushalayim" auf dem Grenzstein. Der Name ist eine Hoffnung für die Welt. Der Frieden Jerusalems ist universell; er gilt allen Menschen. Jerusalem könnte und sollte die Menschen zueinander bringen.

 

Wo sich Staub zu Licht wandelt

 „Ihr Zuschauenden, die ihr keine Mörderhand erhobt, aber die ihr den Staub nicht von eurer Sehnsucht schütteltet, die ihr stehenbliebt, dort, wo er zu Licht verwandelt wird“ - schrieb nach der Shoah die Jüdin Nelly Sachs in einem Gedicht. Denkmäler können eine Ermutigung sein, sich für Frieden und Freiheit zu engagieren und so aus der Vergangenheit zu lernen. Wo erleben wir Krieg statt Frieden im eigenen Leben? Wie können wir Verantwortung im Sinne von Yerushalayim - dem himmlischen Jerusalem - in der Welt übernehmen? Wo fängt unsere Verantwortung an?  Wo sich Staub zu Licht wandelt“ - diese Inschrift auf dem Boden vor dem Grenzstein weist zum Baum des Lebens im Friedensmal. Es zeigt den Gang in die eigene Mitte: Frieden und Freiheit fangen im eigenen Innern an. 


„Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest.“ (Gandhi)




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