Kapitel: In der Öffentlichkeit / Politische Relevanz / Deutsch-Israelische


Hinweis: Dies ist eine Abschrift des Originalartikels, der am 8. November 2017 in der Publikation der DIG (Deutsch-Israelische Gesellschaft) Rhein-Neckar veröffentlicht wurde.


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Wo sich Staub zu Licht wandelt

Das Jerusalem Friedensmal im Geopark Bergstraße-Odenwald in Bensheim
 
Der Wendepunkt im Friedensmal in Bensheim-Hochstädten

Das Jerusalem Friedensmal wird in diesem Jahr fertig gestellt. Es befindet sich am Europäischen Fernwanderweg Nr. 8 im Geopark Bergstraße-Odenwald nahe der Stadt Mannheim. Die Entwicklungs- und Bauzeit beträgt inzwischen mehr als 16 Jahre. Die Kunstinstallation auf 3200 qm mit dem Friedensmal von 26 m Breite in seiner Mitte war vom Künstler Thomas Zieringer entworfen worden. Bereits im Jahr 2001 hatte dieser mit einigen Mitstreitern den Verein Friedensmal Wendepunkt gegründet, der juristisch und finanziell für das Projekt verantwortlich ist. Der Verein ist inzwischen Mitglied bei der DIG. Die ungewöhnliche Privatinitiative hatte seit seiner Entstehung in der Region polarisiert, aber auch zugleich international ein positives Echo gefunden.

Die Idee für dieses „Friedensmal für Deutschland“ war Im Jahr 1998 entstanden. Im Rahmen der Holocaust-Mahnmal-Debatte war vom Künstler für Berlin ein Friedensmal geplant worden, dass zeigen sollte, was Verantwortung für die deutsche Vergangenheit überhaupt konkret bedeuten kann. Es sollte damit ein Zeichen aus der deutschen Gesellschaft sein, dass wirklich etwas  verstanden wurde. Es wäre ein Mahnmal bezogen auf den Holocaust gewesen und gleichzeitig als Friedensmal ein Zeichen eines echten verändernden Verstehens und Anerkennens gegenüber dem Judentum. Doch ohne gute Beziehungen in die Berliner Gesellschaft war die Vorstellung, ein ortsfremder Künstler könne dort ein Denkmal bauen, dann doch sehr naiv.

Sonnenuntergang am Friedensmal
Das Projekt wurde schließlich in der Heimat des Künstlers, im südhessischen Bensheim von den Behörden genehmigt. Jetzt war es „nur“ noch ein Friedensmal für alle Menschen. Eine stiller Ort der Einkehr. Ein Ort zum pilgern sollte es werden, schön in der Natur an einem Wanderweg gelegen. Weder der Kontext der deutschen Vergangenheit war noch gegeben, noch ein vorrangig christlich-jüdischer Kontext. Es wurde ein passendes Grundstück im Ortsteil Hochstädten der südhessischen Stadt Bensheim an der Bergstraße gekauft.
 
Zwei Jahre später sprach sich bei interessierten Kreisen herum, dass unterhalb dieses Grundstückes, das für das Friedensprojekt gekauft wurde, ein ehemaliges KZ-Außenlager war, über dessen Existenz die vielen Jahre seit Kriegsende geschwiegen wurde. Es war reiner Zufall, dass dieses für das Jerusalem Friedensmal bestimmte Grundstück dort gekauft wurde. Plötzlich war mit dieser Neuigkeit das Thema von Berlin zurück. Plötzlich wurde das Projekt politisch und die Ideen hinter der Gestaltung wurden als Konkurrenz zur etablierten deutschen Gedenkultur verstanden: alles wurde schwierig und problematisch. Der Kreis hatte sich geschlossen und in der Provinz sollte sich nun die Idee verwirklichen, die eigentlich für die Hauptstadt geplant war.
 
Kleines Bild vom Baum des Lebens im FriedensmalEs gab zu Hause bei der Entwicklung des Denkmals auch in immer stärkeren Maße Probleme mit Vandalismus und Antisemitismus. Das wurde leider im etablierten Bereich deutscher Vergangenheitsbewältigung kaum zu Kenntnis genommen. War das so, weil es schließlich „nur“ gegen ein Friedensmal ging, die Idee eines Andersdenkenden, eines Außenseiters? Oder war es schlicht mangelnder Mut bei einem schwierigen Thema, das ja auch schon besetzt war? Oder wurde einfach nur nicht ernst genommen, was als Idee „im eigenen Land“ entstand?

Vor Kurzem wurde bei Bauarbeiten ein voll beladener Anhänger, der mit weniger als 5 Mann gar nicht zu bewegen ist, den Berg hinuntergestoßen und der Sachschaden war groß. Die Polizei wollte keine Spuren aufnehmen. Die Pressearbeit war schwierig. Schon am Beginn des Projektes sagte ein Chefredakteur einer regionalen Zeitung zum Initiator „Sie werden keinen Erfolg haben. Ihre Idee ist zu anspruchsvoll für die deutsche Medienwelt.“ Immerhin verweigerten sich die regionalen Medien nicht einer Berichterstattung. Hier noch ein anderer Kommentar aus der deutschen Medienwelt die überregionalen Medien betreffend: „Wo ist der Skandal? Sind Sie berühmt?“
 
Doch auch die Arbeit mit den neuen Medien als Ausweg war schwierig. Als die Angriffe schließlich die Existenz des noch im Bau befindlichen Denkmals bedrohten wurde dieser Weg ausprobiert. Doch auf Facebook war eine Aktion für das Friedensmal in Deutschland unmöglich, weil sie dort wegen eines überhandgenommenen Antisemitismus abgebrochen werden musste. Dann wurde die Facebook-Aktion mit den gleichen Aussagen international in den USA und Israel durchgeführt, wo sie sehr erfolgreich war. Innerhalb von 2 Wochen konnten über 10.000 Menschen in Diskussionen einbezogen werden. Das brachte die Wendung und deshalb gibt es heute überhaupt das
Jerusalem Friedensmal.

Ein Erinnerungsstein im Friedensmal
Dies ist ein Denkmal, das für das Leben steht und auch da passt das Bekenntnis zur jüdischen Wurzel, weil das Judentum vom Selbstverständnis her eine Religion des Lebens ist und auch die jüngere deutsche Geschichte daran nichts ändern kann. Ist es nicht so, dass wir nochmals eine andere und ganz eigene Betroffenheit über den Verlust empfinden würden, den die Nazi-Herrschaft für die deutsche Kultur bedeutete, wären wir uns tatsächlich darüber bewusst, wie viel uns in unserer Kultur mit dem Judentum verbindet?
„Yerushalayim“, hebräisch für Jerusalem, ist auf dem „ Jerusalem Erinnerungsstein“ neben dem Friedensmal zu lesen. Der Name „Jerusalem“ soll ganz bewusst als ein Bekenntnis zu einer jüdischen Wurzel unserer Kultur verstanden werden. Es muss in Deutschland selbstverständlich werden, das so auszusagen. Er erinnert an die Werte von Yerushalayim. Das ist nicht nur der Name der Stadt in Israel, sondern auch eine Metapher. Das „himmlische Jerusalem“ ist Ausdruck einer Friedenshoffnung. Es bezeichnet nicht die Welt, wie sie heute ist, sondern ist dem Menschen eine Ermutigung, darauf hin zu leben und das geht nur mit dem Herzen. So ist auch die ganze Denkmalgestaltung darauf hin ausgelegt, die Herzen der Menschen zu erreichen.
 
Der Anspruch dieses Projekts „Erinnern alleine reicht nicht“ macht darauf aufmerksam, dass zum Gedenken an eine dunkle Vergangenheit unbedingt auch die Zeichen der Hoffnung und neuen Lebens gehören, soll Erinnerung nicht zum Selbstzweck werden. Es geht also nicht um die Entscheidung für oder gegen das „Mahnmal der etablierten Gedenkkultur“, für oder gegen „dieses Friedensmal als neue Idee“. Es geht um ein Verständnis, dass sich beides in einer Gesamtheit so ergänzt, dass es zusammen dann schließlich Herz und Verstand des Menschen erreicht. Es soll eben auch keinen „Schlussstrich“ in den Herzen der Menschen geben, weil sie als Schuldgefühl missverstehen, was eigentlich eine positive Verantwortung für das Leben heute meint.

Besucher des Friedensmals in Bensheim-Hochstädten
Die Signale aus der deutschen Gesellschaft sind inzwischen sehr viel freundlicher geworden. Zuletzt war Frau Buber Agassi, die Enkeltochter von Martin Buber und israelische Staatsbürgerin, dem Verein Friedensmal Wendepunkt als 40. Mitglied beigetreten. Prof. Buber Agassi arbeitete als Soziologin unter anderem an Universitäten wie Standford und Harvard. Sie ist Autorin eines Buches über das KZ-Ravensbrück. Sie wurde in Heppenheim an der Bergstraße geboren, also in der Gegend, wo nun auch das Friedensmal entstanden ist und wo Martin Buber einst lebte, bis er vor den Nazis fliehen musste. Er ging nach Jerusalem.


Dieses Denkmal für Frieden und Freiheit ist kein „Jüdisches Denkmal“. Es wäre sogar eine Grenzüberschreitung von deutscher Seite aus, wollte ein religiös offener deutscher Verein ein „Jüdisches Denkmal“ bauen. Es ist vielmehr der Versuch eine verständnisvolle Geste aus der deutschen Gesellschaft heraus zu formulieren, d. h. eben wirklich Begegnung verstehen zu wollen und sich darauf einzulassen. Wie geht aber dann die deutsche Gesellschaft mit dem ihr Eigenen, das in Bewegung geriet, um?
 
Es bräuchte Freundlichkeit und Behutsamkeit. Und es bräuchte den Mut, sich miteinander die Fehler auf dem Weg zu erlauben. Denn sonst kann nichts gelernt werden und es bildet sich auch kein Verständnis. Man kann nicht generell einen fehlenden Mut in der Gesellschaft kritisieren und zur Zivilcourage aufrufen und dann keine Toleranz gegenüber den Fehlern haben, die gerade passieren, wenn sich jemand oder etwas bewegt. Obleich es wichtig ist zu verdeutlichen, dass die Probleme bei diesem Projekt weniger in Fehlern bestand, die auf der einen oder anderen Seite gemacht worden wären. Das Problem war im Wesentlichen eine schlechte Kommunikation. Soll bürgerschaftliches Engagement tatsächlich gefördert werden, braucht es dafür Kommunikationstrukturen, die ehrenamtlichem Engagement mit seiner Belastung für die Engagierten Rechnung tragen.

Unter dem „Jerusalem Grenzstein“ neben dem Friedensmal ist die Inschrift „Wo sich Staub zu Licht wandelt“ zu lesen. Der Satz stammt aus einem Gedicht der jüdischen Literaturnobelpreisträgerin Nelly Sachs. Sie hatte die Shoa überlebt und formulierte danach in ihrem Gedicht „Chor der verlassenen Dinge“ so: „Ihr Zuschauenden, die ihr keine Mörderhand erhobt, aber die ihr den Staub nicht von eurer Sehnsucht schütteltet, die ihr stehenbliebt, dort, wo er zu Licht verwandelt wird.“ Eigentlich findet sich in diesem Satz, der wenige Jahre nach der Shoa geschrieben wurde, auch schon die ganze bisherige Geschichte dieses Denkmals für Frieden und Freiheit in Deutschland.

(Thomas Zieringer)

Weitere Informationen und Bilder über das projekt finden Sie unter  www.friedensmal.de



Post Scriptum

Manchmal sind die Dinge, die im Leben passieren so unwahrscheinlich, dass man sie als Drehbuch für einen Film geschrieben nicht glauben wollte: Nicht lange Zeit nachdem dieser Artikel veröffentlicht worden war, wurde die große jüdische Geschichte unserer Gegend einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Die Ebene, auf die man vom Jerusalem Friedensmal aus schaut, wird auch als "Jerusalem am Rhein" bezeichnet. Es gab hier mit der Stadt Worms im Zentrum im Hochmittelalter eine jüdische Hochkultur, die sich mit dem Jerusalem in Israel messen konnte. Rashi, der berühmte Kommentator der Tora, lebte hier. Als ich den Namen "Yerushalayim" auf den Grenzstein schrieb, wusste ich noch nicht mal von dieser großen jüdischen Geschichte in unserer Gegend. Die Information über das Jerusalem am Rhein kam in die Öffentlichkeit, da sich eine Initiative darum bemüht, den Status des Weltkulturerbes für diese jüdische Vergangenheit zu erlangen.




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