Abrissbescheid Gegenwind

Yerushalayim - Ein Ruf voller Liebe nach Freiheit für den Menschen. Dass wir die Zäune im Miteinander überwinden und unseren Halt nicht hinter Zäunen der Ideologie suchen (alte Inschrift). - Der Stein erhielt eine neue Umrandung als Kompromissvereinbarung mit der Behörde nachdem die Anordnung zum Rückbau zurückgezogen worden war.

Kapitel:
Evolution / Gegenwind / Abrissbescheid


Die Kontroverse um das Friedensprojekt: Eine Chronik der Ereignisse und Reaktionen

Die Anordnung zum Rückbau wurde im Herbst 2014 zurückgezogen


Öffentliche Reaktion auf Anordnung gegen das Friedensprojekt

Die Anordnung zum Rückbau des 'Jerusalem-Grenzsteins' (Bild) wurde im Herbst 2014 zurückgezogen. Dieser Stein war mehr als nur ein 1,3 qm großes Objekt auf unserem Grundstück; er wurde zum Symbol einer fehlenden Wertschätzung für eine private Initiative, die sich ihren Weg gegen viele Widerstände - insbesondere aus dem Grünen und dem rechtsextremen politischen Spektrum - erkämpfte, was zu weiteren Reibungen führen musste. Dieser Hintergrund, der sich auch in der Medienberichterstattung zeigte, wurde im vorangestellten Kapitel "Ursachen" beleuchtet.

Die Beziehung zur Behörde

Die Beziehung zur Behörde war bereits durch die Genehmigung eines neuen Zauns auf dem Nachbargrundstück erheblich belastet. Der Zaun entstand gerade da, wo im Denkmal der 'Baum des Lebens' den 'Teufelskreis der Gewalt' durchbricht, was die vom Künstler gedachte Aussage der ganzen Denkmalgestaltung ins Absurde führte. Trotz dieser künstlerischen Argumentation erteilte die Behörde für den neuen Zaun eine Ausnahmegenehmigung, was das gesamte Projekt in Frage stellte.

Um dieses Dilemma zu lösen, baute der Künstler das Denkmal anders als ursprünglich geplant und setzte zusätzlich den
'Jerusalem Grenzstein' – Maßnahmen, die später zur Begründung des Abrissbescheids herangezogen wurden. Gerade der Umstand, dass der Künstler für seine kreative Lösung eines behördlichen Missverständnisses bestraft werden sollte, führte zu tiefen Gefühlen von Enttäuschung und Verletzung bei ihm.


Die Entwässerungsmaßnahme als Katalysator

Der wesentliche Konfliktpunkt des heftiger werdenden Streits mit der Behörde war eine notwendige Entwässerungsmaßnahme, die durchgeführt werden musste, um die Bausubstanz des Denkmals zu schützen. Trotz der wiederholten Versuche unseres gemeinnützigen Vereins, mit der Behörde in Kontakt zu treten, war eine Abstimmung über eineinhalb Jahre lang nicht möglich. Daher fühlten wir uns gezwungen, die Maßnahme eigenständig durchzuführen. Dies war dann der tatsächliche Anlass für die “Rückbauverfügung” (Abrissbescheid) für unter anderen dem 'Jerusalem Grenzstein', weil man uns dort packen konnte.


Das Dilemma der öffentlichen Unterstützung

Trotz der offiziellen Genehmigungen und anfänglich positiven Berichterstattung in der Presse entstand eine Kontroverse in den Medien und in der Politik. Es stellt sich die Frage, warum Politiker, die eine Schlüsselrolle hätten spielen können, dem Projekt in seiner Entwicklung keine Unterstützung gaben.


Kurt Knapp, Vertreter des Kreises Bergstraße
Kurt Knapp (links im Bild), ehrenamtlicher Kreisbeigeordneter des Kreises Bergstraße, hält eine Rede zur Einweihung des "Jerusalem-Grenzsteins".


Die eigentliche Ursache der Verwicklungen

Die Hauptursache für die Verwicklungen war nicht Böswilligkeit oder ein laxer Umgang mit Vorschriften und Gesetzen. Es fehlte an beiden Enden der Wille zu einem ehrlichen und offenen Dialog. Dies führte zu erheblichen Missverständnissen und weiteren Reibungen. Der Grenzstein mit dem Schriftzug "Yerushalayim" (Jerusalem), den der Abrissbescheid der Behörde traf, stellte bis dahin kein Problem dar. Er war sogar zuvor mit Vertretern des Kreises Bergstraße und der Stadt Bensheim als ein Mahnmal für ein ehemaliges KZ-Außenlager im Tal unter dem Friedensmal eingeweiht worden.


Projektionsflächen und gesellschaftliche Reaktionen

Der 'Jerusalem Grenzstein' wurde zur Projektionsfläche für verschiedene gesellschaftliche Gruppen. Der Abrissbescheid der Behörde öffnete die Tür für Menschen mit antisemitischen und rechtsextremen Einstellungen. Doch müssen wir gesellschaftlich auch zugeben, dass wir nicht wissen, wo wir wirklich stehen: Aufgrund der Sensibilität des Themas und der persönlichen Folgen bei einer Kritik wagen es in Deutschland nur wenige Menschen, bei Mahnmalen ihre ehrliche Meinung zu sagen. Dadurch bleibt uns verborgen, ob und wie gut diese Mahnmale verstanden werden und welche Wirkung sie tatsächlich entfalten.

Die hitzige Debatte auf Facebook über den Abrissbescheid und die darin offenen antisemitischen und rechtsextremen Äußerungen waren der Hessischen Landesregierung bekannt. Das könnte mit zur Einführung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes beigetragen haben und sogar ein Auslöser dafür gewesen sein. Hier jedoch finden Sie die vielen Briefe von Bürgern, die für den Erhalt des Gedenksteins, der Informationstafeln und Bänke eintraten.


Reflexion und Versöhnung

Die Kontroverse um das Friedensprojekt hat tiefgreifende Fragen über den Dialog zwischen Bürgern und Behörden, die Rolle der Medien und die Dynamik gesellschaftlicher Projektionen aufgeworfen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Erfahrung als Anstoß für eine tiefere Auseinandersetzung mit diesen Themen dient.

Doch trotz der anfänglichen Konflikte und Herausforderungen führten die Probleme letztlich auch zu positiven Veränderungen. Die notwendige Entwässerungsmaßnahme wurde vom Künstler kreativ durch die Gestaltung von 'Engelsflügeln' umgesetzt, die nun einen ästhetischen Rahmen für das Denkmal bilden. Diese unerwartete Lösung hat dem Projekt im Nachhinein sogar genutzt und es visuell aufgewertet. Nach dem Eklat fand auch ein neuer Dialog mit der Kreisbehörde statt. Man einigte sich darauf, dass der Grenzstein erhalten bleibt, allerdings mit einem neuen Kiesbett. Der Künstler entwarf eine organisch wirkende Einfassung, die den Stein noch besser zur Geltung bringt (siehe Bild). So konnte jeder sein Gesicht wahren und das Projekt konnte in seiner ursprünglichen Intention fortgeführt werden.





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