Anordnung für Rückbau

Das Bild zeigt die Einweihung des Gedenksteins, gegen den sich zwei Jahre später der Abrissbescheid richtete. Auf dem Bild sind unter anderem der Hochstädter Ortsbeiratsvorsitzende Bernd Rettig, Stadtrat Oliver Roeder und als Vertreter des Landrats der Kreisbeigeordnete Kurt Knapp zu sehen. Ich bin ihnen dankbar, dass sie an der Einweihung des Gedenksteins, der sich auch auf das ehemalige KZ-Außenlager im Tal bezog, teilnahmen. Der Abrissbescheid wurde im Herbst des Jahres 2014 außer Kraft gesetzt.


Kapitel: Evolution / Gegenwind / Anordnung



Friedensmal und Gedenkstein: Zwischen Kunstfreiheit, Behördengrenzen und gesellschaftlicher Bedeutung"


Einführung in das Thema

In landschaftlicher schöner Umgebung in der Nähe von Frankfurt am Main findet man das Friedensmal, einen Denkmalkreis mit einer Größe von 535 qm. Das Projekt war durch die örtliche Behörde genehmigt worden. Diese Kunstinstallation in der Landschaft war über einen Zeitraum von 16 Jahren entwickelt und in ehrenamtlicher Arbeit mit Spenden von Unterstützern auf privatem Gelände verwirklicht worden. Es sollte ein Denkmal zur Würde und Freiheit des Menschen werden. Es sollte ein Zeichen dafür setzen, welche Lehren wir aus der dunklen deutschen Vergangenheit ziehen können, und gleichzeitig ein Hoffnungszeichen für die deutsch-jüdischen Beziehungen darstellen. Der Präsident des internationalen Auschwitz-Komitees Kurt Hacker schrieb mir über diese Idee: „Es stellt tatsächlich einen psychologisch / philosophischen Ansatz dar, der tief berührt.”

Kurz nach dem ersten Spatenstich wurde der nun vom Abriss bedrohte Gedenkstein Ziel eines isolierten, aber bedeutsamen antisemitischen Vorfalls: nur 9 Tage nach seiner Einweihung im Oktober 2012 wurde die aufgebrachte Inschrift zerstört. Obwohl die Meinungen der Besucher über das Friedensmal sehr positiv ausfallen, gab es im Kreis Bergstraße auch die Kräfte, die dagegen arbeiteten.

Im Februar 2014 erließ die Behörde des Kreises Bergstraße eine Anordnung für den Abriss des
Grenzsteins, der Bänke und zwei Informationstafeln mit der Begründung des Landschaftsschutzes (Bericht im HR-Fernsehen). Ohne diese „Erweiterungen”, die ganz natürlich zu einem Denkmal dieser Größe und Bedeutung gehören, würde die Gedenkstätte weder verstanden noch von den Menschen angenommen werden. Es gäbe dieses Projekt nicht mehr. Sicherlich ist es ein erheblicher Eingriff in die Natur, ein 535 qm großes Denkmal zu bauen. Aber es sieht schön aus, es ist in die Landschaft eingebettet und es war von den Behörden genehmigt worden. Nun wird der Landschaftsschutz als Argument für den Abriss eines nur 1,3 qm großen Gedenksteins, zweier Informationstafeln von jeweils 0,16 qm und zwei Bänken angeführt, die jedoch dem Denkmal erst Leben einhauchen. Normalerweise werden Menschen sogar geehrt, wenn sie eine Bank für einen Wanderweg stiften. Macht denn ein Denkmal dieser Größe überhaupt einen Sinn ohne Bänke und ohne Informationstafeln, um lesen zu können, worum es eigentlich geht? All das muss doch ein ganz natürlicher Teil eines genehmigten Denkmals solcher Größe mit seinem Anspruch sein.

Am Ort kam die Existenz eines Rüstungsbetriebs im 2. Weltkrieg weniger als 1 km vom Friedensmal entfernt in einem Stollensystem im Tal durch ein Buch des Bensheimer Historikers Dr. Krämer in eine breitere Öffentlichkeit. Dort waren griechische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge eingesetzt worden. Diese lokale Geschichte war über 60 Jahre weitgehend ignoriert worden. Damit aber die Botschaft dieser neuen Friedensstätte nicht völlig missverstanden würde, brauchte es diesen Gedenkstein, der auch der lokalen Geschichte gewidmet sein soll. Es ging um Wahrhaftigkeit und die Glaubwürdigkeit dieses ganzen Projektes. Das Friedensmal wurde im Außenbereich genehmigt, weil es von besonderem Interesse für die Allgemeinheit ist. Wie könnte das aber noch glaubwürdig sein, wenn man im Zusammenhang mit einem Friedensmal für die Würde und Freiheit des Menschen die lokale Geschichte direkt am Ort in Form eines ehemaligen KZ-Außenlagers ignorieren wollte? Und wie kann es glaubwürdig sein, wenn die Informationstafel zur Geschichte abgerissen werden soll? Es ist im Jahr 2014 der einzige Ort, an dem die Geschichte des KZ-Außenlagers öffentlich benannt wird.

Mit dem Gedenkstein konnte das aufgenommen und geklärt werden. Seitdem „funktioniert” das Projekt. Ohne die „Erweiterungen” würde das ganze Kunstprojekt kaum verstanden noch angenommen werden. Es hätte kein "Leben" mehr. Der nun von Behördenseite vom Abriss bedrohte Gedenkstein erinnert an ein dunkles Kapitel örtlicher Geschichte, aber er ist eben auch gleichzeitig ein Hoffnungszeichen für die Zukunft. Mit ihm gelingt es nun an diesem Ort eine geistige Brücke von der dunklen Vergangenheit zu neuem Leben zu bauen.


Stellungnahme des Trägervereins

Der geplante Abriss wird ein Zeichen für ein Deutschland setzen, das wir für überwunden hielten. Unsere Gedenkstätte wird von Besuchern gut angenommen. Oft kommen Schulklassen vorbei. Dieses begeh- und erlebbare Denkmal erreicht die Kinder. Allabendlich sitzen Besucher auf den Bänken und lassen die Atmosphäre am Ort auf sich wirken. Inzwischen ist auch eine Mehrheit der Bürger vor Ort - über Besuche, Veranstaltungen, Erklärungen und durch zahlreiche Artikel in der Lokalzeitung - von dem Projekt überzeugt.

Der Gedenkstein war nicht nur die Lösung, um mit dem Thema des KZ-Außenlagers umzugehen, sondern er war auch die Lösung, um mit einem neu geschaffenen inhaltlichen Problem des Kunstwerks umzugehen: Die Behörde hatte vor dem wesentlich wirksamen Element des Denkmals ohne Kompromissmöglichkeit bei der Gestaltung einen Zaun genehmigt. Nach der Aussage einer Behördenmitarbeiterin hatte man unser Friedensprojekt vergessen. Ein solcher Zaun am Weg ist alleine kein Problem. Doch er vertrug sich nicht mit der ursprünglich geplanten Gestaltung, die eine einzige Öffnung in einem Steinkreis hin zur Freiheit in Richtung Jerusalem und nun Richtung Zaun vorsah. Die Botschaft ist aber hier die Freiheit, die der „Baum des Lebens” schenkt. Im Judentum ist die Torah ein Baum des Lebens. Auch im Christentum steht „der Baum” für die Verbindung mit dem Schöpfer. Der „Baum des Lebens” ist das liegende zentrale Symbol im Denkmal, das für die Würde und Freiheit des Menschen steht. Wir schufen deshalb einen neuen Freiraum zur anderen Seite im Denkmal und ließen 22 Gedenksteine weg, die wir laut Genehmigung hätten bauen dürfen. Dafür stellten wir einen einzigen Gedenkstein als Mahnmal der Größe von 1,3 qm neben das Friedensmal von 535 qm auf unser Grundstück. Insgesamt ist der Platz erheblich entlastet worden; denn heute stehen dort 21 große Gedenksteine weniger, als es ursprünglich genehmigt war. Doch diese Entlastung des Landschaftsbildes wollte man uns nicht anrechnen.

Im Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes, Absatz 3 heißt es: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei", was bedeutet, dass Kunst verfassungsrechtlich geschützt ist.

Ein Denkmal ist mehr als ein Bauwerk; es ist ein Kunstwerk. Die Kunst muss aber dann auch in der Praxis soviel Freiraum haben, dass noch ein Prozess erlaubt ist, der auf eklatante Veränderungen in der Umgebung achtsam reagieren darf. Wie kann es illegal sein, eine künstlerische Botschaft bewahren zu wollen? Es wäre vielmehr bedenklich, da der genehmigte große Denkmalkreis bereits ein erheblicher Eingriff in die Natur ist, nun etwas ohne Sinn weiter zu bauen. Es wäre zudem ein Verstoß gegen die Menschenwürde (Artikel 1 GG), einen Künstler dazu zu zwingen, ehrenamtlich an einer Gedenkstätte weiterzuarbeiten, die ihren ursprünglichen Sinn verloren hat.






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